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Ampel oder Autobahn

Im Stau: Überholen mit dem Motorrad erlaubt?

Filtern: Dürfen Motorradfahrer im Stau überholen?
© Quelle: Merten/gettyimages.com

Autofahrer blicken nicht selten genervt hinterher: Stunden­langer Stau auf der Autobahn und dann drängeln sich Motor­rad­fahrer an den stehenden PKW’s vorbei. Doch ist das Durchschlängeln und Überholen gar nicht erlaubt. Motor­rad­fahrer sollten daher mit der möglichen Zeiter­sparnis vorsichtig umgehen – andern­falls drohen Strafen.

„Vor Gott sind alle Menschen gleich, vor dem Stau alle Autos“, sagte der Litera­tur­kri­tiker Hellmuth Karasek einmal. Und recht hat er: Ob Limousine oder alter Klein­wagen – Hierar­chien und Besitztum sind in den Minuten und mitunter Stunden des Staus ausge­hebelt. Denn vorwärts geht es für niemanden.

Karasek spricht von Autos – andere Verkehrsteilnehmer scheinen ausgenommen und tatsächlich werden die allermeisten Autofahrer schon die folgende Situation erlebt haben: Lange Standzeiten und dann nähern sich Motorräder von hinten und rollen vorsichtig an den PKW vorbei. Ist das unfair? Vielleicht. Aber ist das auch verboten?

„Ja“, sagt Jörg Elsner, Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses Verkehrsrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV) und ergänzt: „Das hängt vor allem mit dem Verbot rechts zu überholen zusammen.“ 

Durchschlängeln und überholen bei Staus auf Autobahnen durch Motorräder verboten

Ob es sich beim Durchschlängeln um einen unzulässigen Überhol­vorgang handelt, ist in der Straßenver­kehrs­ordnung (StVO) zwar nicht explizit geregelt. Einige Regeln aus der StVO machen einen Überhol­vorgang von Motor­rad­fahrern aller­dings unmöglich – zumindest unmöglich im juris­tisch erlaubten Rahmen.

Regeln in der StVO: Überholen mit Motorrad und Einhaltung des Seiten­ab­stand

Beim Überholen muss generell Abstand zu den anderen Autofahrern und zum Neben­fahrzeug einge­halten werden. Bei Fahrrädern 1,5 Meter, bei mehrspu­rigen Fahrbahnen – wie auf einer Autobahn – 1 Meter. Verbunden mit den weiteren in der Folge aufge­zeigten Regelungen ein auf einer Autobahn für Motorräder schwie­riges Unter­fangen.

Mit dem Motorrad unterwegs und StVO: Einhaltung der Fahrbahn

Rechts­anwalt Elsner: „Zwar darf man auch im Stau bezie­hungs­weise bei zähflüssigem Verkehr die Fahrbahn wechseln, doch darf nicht zwischen zwei Fahrbahnen gefahren werden.“  Das aber wird im Stau schwierig. Denn wie soll ein Motor­rad­fahrer ansonsten voran­kommen? Zudem kann der Seiten­ab­stand wohl kaum einge­halten werden, wenn auf der Fahrbahn selbst überholt wird.

Motor­rad­fahrer und StVO:  Einhaltung des Verbots, rechts zu überholen  

Ein dritter Punkt kommt hinzu: „Unabhängig der vorhe­rigen Einschränkung darf man als Motor­rad­fahrer schon allein deshalb nicht zwischen Autos hindurch, da dadurch rechts überholt werden würde – und das ist verboten“, erklärt Jörg Elsner.

Hier gibt es aller­dings Ausnahmen. So darf dann rechts überholt werden, wenn dem Rechtsüberho­lenden ein freier Fahrstreifen zur Verfügung steht. Auf einer Autobahn ist dies aller­dings nahezu nie der Fall – der Seiten­streifen ist damit nicht gemeint.

Rechtlich unpro­ble­ma­tisch können Motor­rad­fahrer also nur auf der ganz linken Spur überholen, die bei voller Fahrbahn aller­dings nicht frei ist. Und wenn sie die stehenden oder langsam rollenden Autos links passieren, halten sie wiederum den Seiten­ab­stand nicht ein.

Motorrad fahren: Es darf nur links überholt werden – auch bei Autobahnstau

Das Oberlan­des­ge­richt Düsseldorf hat zum Überhol­vorgang von Motorrädern auf der Autobahn bereits 1990 eine bis heute häufig zitierte Entscheidung getroffen. In dem Fall überholte ein Krad-Fahrer (alte Bezeichnung für ein Kraftrad, also etwa ein Motorrad) zwischen der zweiten und dritten Fahrbahn Autos, die nur langsam voran­kamen. Dabei überholte er mindestens fünf links neben ihm befind­liche Fahrzeuge – und war somit Rechtsüberholer. Das Gericht erkannte darin ein verbo­tenes Rechtsüberholen (Beschluss vom 30. April 1990; AZ: 5 Ss (OWi) 151/90 – (OWi) 77/90).

Dabei gibt es eine Ausnahmevorschrift, die in § 5 der StVO geschrieben steht. Sie bezieht sich auf Fahrrad- und Mofafahrer, die in Ausnahmefällen auch rechts überholen dürfen, zumindest dann, wenn ausreichend Raum vorhanden ist. Dabei müssen sie mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen. Aufgrund der oben beschriebenen Einschränkungen bezieht sich das allerdings primär auf das Anstehen an roten Ampeln.

Motor­rad­fahrer an roten Ampeln: Auch an roten Ampeln ist das Überholen verboten

Mit der Einschränkung für Mofafahrer gelten die oben angeführten Bestim­mungen auch für Motor­rad­fahrer an roten Ampeln. „Auch hier müssen Motor­rad­fahrer sich gedulden“, sagt Jörg Elsner.

Das Karasek-Zitat kann demnach ausge­weitet werden: „Vor Gott sind alle Menschen gleich, vor dem Stau alle Autos – und Motorräder.“ Wer sich als Biker nicht daran hält, der muss mit Bußgeldern und Punkten rechnen.

Überholen im Stau: Diese Strafen drohen Motor­rad­fahrern

Der Bußgeldka­talog legt recht genau fest, welche Sanktionen je nach Vergehen drohen. Die wohl häufigsten in der Übersicht:

·    Überholen trotz Verbot: 70 Euro und ein Punkt in Flensburg (70/1)

·    Überholen mit zu wenig Seiten­ab­stand: 30/0

·    Zum Überholen ausge­schert und Nachfol­gende gefährdet: 80/1

·    Überholen bei unklarer Verkehrslage: 100/1

·    Überholen bei unklarer Verkehrslage mit Überhol­verbot: 150/1

·    Überholen bei unklarer Verkehrslage mit Gefährdung: 250/2 und 1 Monat Fahrverbot.

Alle weiteren Sanktionen rund um verbotene Überholvorgänge finden Sie in dieser Übersicht.

Unfall beim Durchschlängeln: Motor­rad­fahrer trifft Mitschuld

Häufiger als mit einem möglichen Überhol­verbot im Stau, haben sich Gerichte mit der Frage der Mithaftung von Motorrädern bei Unfällen in Folge des Durchschlängelns befasst.

Das Landes­ge­richt Tübingen erkannte zum Beispiel eine Haftungs­ver­teilung von einem Drittel zu Lasten einer Motor­rad­fah­rerin. Sie überholte eine vor einer Ampel haltende Fahrzeug­ko­lonne auf der gleichen Fahrspur. Eine Polo-Fahrerin fuhr aller­dings zeitgleich aus einer Parklücke in eine Lücke der Kolonne. Es kam zu einer Kollision, woraufhin sich die Motor­rad­fah­rerin verletzte. Zwar sah das Gericht den Haupt­ver­ur­sa­chungs­anteil bei der Polo-Fahrerin – doch ebenso eine Mithaftung der Motor­rad­fah­rerin, da es sich bei ihrem Verhalten um einen Verstoß gegen das Rücksichts­nah­me­gebot gehandelt habe und das Überholen der Kolonne bei unklarer Verkehrslage geschehen sei (Urteil vom 10. Dezember 2013; AZ: 5 O 80/13).

Vergleichbar entschieden auch andere Gerichte in der Vergan­genheit, daher müssen Motor­rad­fahrer damit rechnen, dass sie stets eine Mitschuld im Falle eines Unfalls trifft, so sie bei Stau oder zähem Verkehr überholen.

Sie wollen lieber auf das Fahrrad umsteigen? Lesen Sie in diesem Artikel über die Regeln, die für Fahrrradfahrer im Straßenverkehr und auf Radwegen gelten.

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Auto Bußgeld Motorrad Unfall

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