Selbstbestimmung

Warum sollte man eine Vorsorgevollmacht aufsetzen?

Vorsorge für Alter und Krankheit - immer mehr Bundesbürger verfügen über eine Vorsorgevollmacht.
Vorsorge für Alter und Krankheit - immer mehr Bundesbürger verfügen über eine Vorsorgevollmacht.

Quelle: fotoschab/fotolia.com

Die Bundesbürger sorgen vor, immer mehr Deutsche verfügen über eine Vorsorgevollmacht. Aktuell sind 2,7 Millionen dieser Dokumente registriert. Dieser Aufwärtstrend spiegelt unsere älter werdende Gesellschaft, vielleicht aber auch die wachsende Einsicht vieler Menschen in eine wichtige juristische Tatsache: Wer krank oder alt ist und nicht mehr für sich entscheiden kann, hat nicht „automatisch“ einen gesetzlichen Vertreter. Selbst Ehepartner oder Angehörige können nicht so ohne weiteres für eine Person entscheiden und für sie etwa in Operationen einwilligen, weswegen Vorsorgevollmachten auch für Jüngere sinnvoll sind.

Früher mussten Gerichte dieses Dilemma lösen, indem sie der Person einen rechtlichen Betreuer an die Seite stellten. Das war oft ein Familienmitglied, manchmal aber auch ein professioneller Betreuer. Um das, aber auch das ganze, manchmal teure Verfahren zu umgehen, erstellen heutzutage viele Menschen Vorsorgevollmachten.

Welche Lebensbereiche kann man mit einer Vorsorgevollmacht regeln?

In einer Vorsorgevollmacht bestimmt man selbst einen rechtlichen Vertreter, einen Bevollmächtigten, für den Fall, dass man nicht mehr für sich entscheiden kann. Dabei bestimmt man als Vollmachtgeber verschiedene Lebensbereiche, die der Bevollmächtigte regeln darf, etwa Geld- und Bankangelegenheiten oder auch Fragen der medizinischen Versorgung.

Was ist was: Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung, Patientenverfügung

Gegenüber Vorsorgevollmachten haben Betreuungsverfügungen an Bedeutung verloren. Aber sie können für Alleinstehende ohne nahe Verwandte noch immer sinnvoll sein. In einer Betreuungsverfügung können sie vorschlagen, wer Betreuer werden soll, wenn das Gericht ihnen einen rechtlichen Betreuer an die Seite stellt, und Wünsche an diesen äußern. Regelt eine Vorsorgevollmacht gesundheitliche Fragen und ärztliche Maßnahmen, sollte man sie mit einer Patientenverfügung kombinieren. In ihr legt man etwa Behandlungen insbesondere zum Lebensende fest, die man sich wünscht oder für sich ausschließt.

Wann sollte man eine Vorsorgevollmacht erstellen?

Vorsorgevollmachten sind meistens Generalvollmachten, also starke rechtliche Erklärungen mit weitreichenden Folgen. Daher sind Vorsorgevollmachten nur dann wirksam, wenn der Vollmachtgeber geschäftsfähig war, als er sie erstellt hat. Wer seine Vorsorgevollmacht widerrufen will, kann dies jederzeit tun, wenn er geschäfts- und einwilligungsfähig ist.

Muss man eine Vorsorgevollmacht registrieren lassen?

Man muss seine Vorsorgevollmacht nicht im Zentralen Vorsorgeregister anmelden. Auch muss man sie in der Regel nicht beurkunden lassen. Es ist aber sinnvoll und teils sogar vorgeschrieben, die Unterschrift bei der Betreuungsbehörde beglaubigen zu lassen. Die Kosten dafür betragen zehn Euro. Auch sollte man andere Personen und natürlich den Bevollmächtigten über die Vorsorgevollmacht informieren.

Sollte man für eine Vorsorgevollmacht Formulare verwenden?

Eine Vorsorgevollmacht kann man handschriftlich, auf dem Computer oder auf einer Schreibmaschine verfassen. Wichtig ist, sie mit Datum und Uhrzeit, dem Vor- und Nachnamen zu versehen und sie eigenhändig zu unterschreiben, am besten beglaubigt. Da eine Vorsorgevollmacht verschiedene Lebensbereiche regelt und jeder Mensch andere Vorstellungen darüber hat, wie diese gestaltet sein sollen, empfiehlt es sich, auf vorgefertigte Muster oder Formulare zu verzichten.

Stattdessen sollten sich Vollmachtgeber von einem spezialisierten Rechtsanwalt beraten lassen, der sie insbesondere über die wesentlichen Formvorschriften informiert und Formulierungen individuell fasst. Das ist deshalb wichtig, weil formale oder inhaltliche Fehler dazu führen können, dass Banken oder Pflegeheimen Vollmachten nicht anerkennen.

Nach welchen Kriterien sollte man den Bevollmächtigten aussuchen?

Wer eine Vorsorgevollmacht verfasst, sollte sich gut überlegen, wen er als Bevollmächtigten bestimmt. Es hängt nämlich oft von der Person ab, ob sich eine Vollmacht im Alltag bewährt. „Bei der Wahl des Bevollmächtigten sollte man auf drei Kriterien achten: Vertrauen, Fähigkeiten und Motivation“, sagt Rechtsanwalt Dr. Dietmar Kurze von der Arbeitsgemeinschaft Erbrecht des Deutschen Anwaltverein (DAV). Dabei muss es aber nicht immer ein Verwandter sein, den man zum Bevollmächtigten macht. Denkbar ist auch, einen professionellen anwaltlichen Bevollmächtigten zu bestimmen, einen Vorsorgeanwalt.

Sollte man einen Ersatzbevollmächtigten bestimmen?

Es empfiehlt sich, in einer Vorsorgevollmacht einen Ersatzbevollmächtigten zu bestimmen. Denn Bevollmächtigte können ihre Aufgabe auch wieder abgeben, ohnehin ist rechtlich niemand dazu verpflichtet, Bevollmächtigter zu werden.  

Vorsorgevollmacht: Finanzielle Vereinbarungen schriftlich fixieren

Wer mit dem Bevollmächtigten beispielsweise eine Entlohnung für seine Tätigkeit oder gar eine Schenkung vereinbart, sollte dies schriftlich fixieren. Denn Bevollmächtigte können haftbar gemacht werden, wenn sie gegen Pflichten aus der Vorsorgevollmacht verstoßen. Sie müssen alle Ausgaben in ihrer Tätigkeit gegenüber den Erben belegen, dazu sind sie rechtlich verpflichtet. „Für Ausgaben, die ein Bevollmächtigter nicht belegen kann, können Erben Schadensersatz verlangen“, sagt Rechtsanwalt Dr. Kurze.

Was sind die Nachteile einer Vorsorgevollmacht?

Eine Vorsorgevollmacht, die ohne Beratung und schlecht gemacht ist, funktioniert im Alltag selten, was zeigt, wie wichtig Form und Inhalt bei diesen Dokumenten sind. „Auch  scheitern Vorsorgevollmachten in der Praxis häufig an der schlichten Tatsache, dass die Verwandten sie nicht finden“, erklärt Dr. Kurze.

Bei Vorsorgevollmachten kann auch die Gefahr bestehen, dass der Bevollmächtigte eine „vermögensschonende Bevollmächtigung“ ausübt, die allein dazu dient, das Erbe des Vollmachtgebers nicht zu schmälern. „Dabei werden dem Vollmachtgeber etwa nur möglichst billige Kleidung und preiswertes Essen gekauft. Beim Pflegeheim wird nicht auf die Qualität, sondern nur darauf geschaut, dass es wenig kostet“, berichtet der Anwalt aus der Praxis.

Dazu kommt, dass der Bevollmächtigte auf das Bankkonto und das sonstige Vermögen des Vollmachtgebers zugreifen kann, ohne dass der Vollmachtgeber es kontrolliert kann, denn er ist dazu ja nicht mehr in der Lage. „Vollmachtsmissbrauch nimmt zu. Für die Vollmachtgeber und deren Erben ist oft zum Schluss nichts mehr übrig“, stellt Dr. Kurze fest.

Besonders kann eine Vorsorgevollmacht einen Bevollmächtigten dazu verleiten, dem Vollmachtgeber Geld und Vermögen zu stehlen. Betreuungsgerichte müssen bei vermögensrechtlichen Fragen nicht zustimmen, ihnen müssen Bevollmächtigte auch die Rechnungslegung nicht vorlegen.

Wie kann man den Missbrauch einer Vorsorgevollmacht verhindern?

Doch gegen Diebstähle oder anderen Missbrauch können sich Vollmachtgeber mit besonderen Formulierungen und Klauseln in der Vollmacht schützen. Sie können etwa festlegen, dass der Bevollmächtigte nur begrenzt über das Vermögen oder die Immobilien bestimmen kann oder dies auch komplett ausschließen.

Außerdem kann man dem Bevollmächtigten jemanden zur Kontrolle an die Seite stellen, einen sogenannten Kontrollbevollmächtigten. Auf diese Aufgabe haben sich in den letzten Jahren zunehmend Rechtsanwälte spezialisiert.

Denkbar ist beispielsweise auch, Umgangsregeln in die Vorsorgevollmacht aufzunehmen, die garantieren, dass der Vollmachtgeber und seine Familie oder seine Freunde sich sehen können, denn: „Bevollmächtigte haben viele Rechte, sie können Verwandten sogar den Zugang zum Vollmachtgeber versperren“, so Dr. Dietmar Kurze.

Wie lange sind Vorsorgevollmachten gültig?

Vorsorgevollmachten enden nicht immer mit dem Tod des Vollmachtgebers. Meist gelten sie als transmortale Vorsorgevollmachten weiter, Erben müssen sie explizit widerrufen. Tun sie dies nicht schnell genug, kann der Bevollmächtigte weiter handeln und etwa Geld ausgeben. 

Thomas Staudacher Martin Radtke Werner Fuchs Stefan Gloyer Angelika Maier

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