
Ein Leben ohne Internet ist für viele junge Leute im Jahr 2014 unvorstellbar. Knapp drei Stunden verbringen die 12- bis 19-Jährigen im Durchschnitt täglich im Netz. Dabei gehen immer mehr Jugendliche über ihre Smartphones online, inzwischen sind es 73 Prozent. Doch so interessant die virtuelle Welt ist, so gefährlich kann sie manchmal sein. Jugendschützer weisen immer wieder auf die Gefahren des Internets hin. In letzter Zeit warnen sie vor allem vor „Sexting“, ein in Europa recht neuer Trend.
Gefahren des „Sexting“
„Sexting“ ist eine Wortschöpfung aus „Sex“ und „Texting“. Dabei verschicken Teenager über ihre Smartphones erotische Bilder und Videos von sich an jemand anderen, häufig an ihre Freundin oder ihren Freund. „Viele Jugendliche wollen mit den Bildern ein bisschen Esprit und Prickeln in ihre Beziehung bringen“, sagt die Medienpädagogin Ina Brecheis von der EU-Initiative Klicksafe. Allerdings bleiben die intimen Fotos manchmal nicht in den Smartphones der Verliebten, sondern gelangen auch an andere Jugendliche. Das passiert wie bei einem Kettenbrief: Die oder der Liebste schickt die Fotos unerlaubterweise an die beste Freundin, und diese wiederum sendet die Bilder an andere. Der ursprüngliche Absender kann nicht mehr kontrollieren, wer die Bilder sieht oder wo sie eingestellt werden. Das kann zum Beispiel auch eine für alle öffentlich einsehbare Seite auf Facebook sein.
Erpressungen können die Folge sein
Was als intimer Liebesbeweis begann, endet für die betroffenen Teenager manchmal in öffentlicher Bloßstellung mit fatalen Folgen. „Im schlimmsten Fall werden die Jugendlichen in der Schule gemobbt. Manchmal kann es auch zu Erpressungen kommen, nach dem Motto: Wenn du nicht machst, was ich will, gelangen die Bilder an noch mehr Leute“, erklärt Brecheis. Bisher gibt es keine Zahlen darüber, wie viele Jugendliche negative Erfahrungen mit „Sexting“ gemacht haben. Klar ist aber, dass das Phänomen Jugendschützer, Eltern und Lehrer besorgt. So warnten im vergangenen Oktober zum Beispiel einige Schulleiter aus dem niedersächsischen Cloppenburg in einen medial viel beachteten Elternbrief vor dem neuen Trend.
„Sexting“ und rechtliche Fallen
„Sexting“ kann nicht nur die Reputation von Teenagern zerstören, sondern bringt auch juristische Fallen mit sich, die vielen Jugendlichen oft nicht bewusst sind. Rechtlich problematisch ist dabei noch nicht die Tatsache, dass Teenager erotische Bilder von sich an andere schicken. Die Legalität ist aber dann überschritten, wenn der Empfänger der intimen Bilder diese an andere weiterleitet, ohne dass der ursprüngliche Absender sein Okay dazu gegeben hat. Eine solche unerlaubte Verbreitung verletzt das Urheberrecht, verstößt vor allem aber gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht.
Was kann man gegen „Sexting“ tun?
„Wird ein erotisches Bild zum Beispiel unerlaubt auf Facebook hochgeladen, sollte man schnell handeln, bevor es kopiert oder noch stärker verbreitet wird“, sagt die Berliner Rechtsanwältin Friederike Lemme von der Arbeitsgemeinschaft Informationstechnologie im Deutschen Anwaltverein (DAV). Lemme zu Folge haben Betroffene Unterlassungsansprüche gegen diejenigen, die solche Fotos unerlaubt zum Beispiel in sozialen Netzwerken einstellen.
Die Betroffenen können ihre Ansprüche über eine Einstweilige Verfügung durchsetzen. Nimmt derjenige, der für das Hochladen der Bilder verantwortlich ist, die Bilder trotz einer solchen Verfügung nicht von seiner Seite, drohen ihm saftige Ordnungsstrafen von bis zu 250.000 Euro. „Außerdem können Betroffene den Verantwortlichen auf Schmerzensgeld verklagen“, so Lemme. Übrigens haften die Verantwortlichen selber, selbst wenn sie noch minderjährig sind. „Eltern haften nur in Ausnahmefällen für ihren Nachwuchs, zum Beispiel dann, wenn sie ihre Aufsichtspflicht in grober Weise verletzt haben“, erklärt die IT-Rechtsexpertin Lemme. „Davon kann bei 16- oder 17-Jährigen aber in den meisten Fällen keine Rede mehr sein.“
Schwierig wird es, wenn solche Bilder in Suchmaschinen auftauchen. Betroffene konnten bisher etwa Google kaum zwingen, diese Bilder aus den Suchergebnislisten zu entfernen. Allerdings könnte ein jüngst ergangenes Urteil gegen Google das ändern.
„Sexting“ und Pornographie
Rechtlich noch prekärer wird es, wenn die verschickten Bilder so explizit sind, dass sie die gesetzlichen Kriterien für Pornographie erfüllen. Zwar dürfte ein Jugendlicher im Alter von 14 bis 18 Jahre diese Bilder an Bekannte verschicken. Doch wenn diese die Bilder an andere weiterleiten, fällt das unter den Straftatbestand der Verbreitung von Jugendpornographie. Zeigt das Foto gar jemanden unter 14 Jahre, wird aus einer solchen Verbreitung der Straftatbestand der Verbreitung von Kinderpornographie. In Kanada etwa wurde Anfang des Jahres eine Jugendliche eben wegen Verbreitung von Kinderpornographie verurteilt. Sie hatte Nacktbilder der Ex-Freundin ihres Freundes herumgeschickt und auf Facebook hochgeladen. Ein solcher Fall wäre auch in Deutschland denkbar.
Der Sexting-Fall vorm Amtsgericht München
Im Fall des 21-Jährigen, der in München Schülerinnen mit deren Nacktbilder erpresst hatte, sprachen die Richter den Angeklagten schuldig. Neben Schmerzensgeld an seine Opfer, soll er 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Ob er die zwei Jahre Freiheitsstrafe, zu denen die Richter ihn verurteilt haben, absitzen muss, wird erst in sechs Monaten entschieden. Solange steht der 21-Jährige unter "Vorbewährung". Eine Bewährungsform, die nur im Jugendstrafrecht existiert und Jugendlichen die Möglichkeit eröffnen soll, eine Jugendstrafe zu umgehen.
- Datum
- Aktualisiert am
- 14.08.2018
- Autor
- ime