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Debatte

Prosti­tu­ti­ons­verbot: Martenstein contra Schwarzer

Harald Martenstein kritisiert in einem Gastbeitrag das von Alice Schwarzer geforderte Verbot von Prostitution. © Quelle: C. Bertelsmann

Nach Alice Schwarzer sei die Frau immer das Objekt, der Mann das Subjekt - egal, ob Prosti­tuierte erklären, ihren Job gerne und freiwillig zu machen. Das schreibt Harald Martenstein in einem Gastbeitrag zur Debatte um ein Verbot von Prosti­tution.

Der Freier ist nicht immer ein Mann, und die Hure ist nicht immer eine Frau - diese Wahrheit spielt in der Diskussion über ein Verbot der Prosti­tution keine Rolle. Allein in Berlin arbeiten etwa 600 Stricher, die meisten für homose­xuelle Kunden. Nur etwa ein Dutzend männliche Prosti­tuierte arbeiten ausschließlich für – wechselnde - Frauen. Diese Zahl ist deshalb so niedrig, weil Frauen, die in Deutschland Sex kaufen, es in der Regel vorziehen, nur einen einzigen Mann zu beschäftigen, einen vermutlich hübschen und jungen Mann, dessen Leben sie finanzieren, als Gegenleistung für seine Dienste. Diese Information findet man in den Fachauf­sätzen der Sexual­wis­sen­schaft. Andere Frauen fliegen nach Afrika, wo in einigen Ländern der weibliche Sextou­rismus blüht.

Die Tatsache, dass auch Frauen Sex für Geld kaufen, hängt mit ihrer Emanzi­pation und ihrer sexuellen Selbst­be­stimmung zusammen. Jahrhun­der­telang hat man ihren Vorfah­rinnen erzählt, der Mann sei ein Triebwesen, und nur der Mann. Der Mann braucht es, die Frau braucht es nicht. Für die Frau sei das Sexuelle untrennbar mit dem Gefühl und der Familie verbunden. Die Frau kann sich nur hingeben, wenn sie liebt, einzige Ausnahme: die Hure.

Seit diese von Männern in die Welt gesetzte Lüge an Glaubwür­digkeit verloren hat, finden sich immer weniger Frauen mit einem erzwungenen Zölibat ab. Sie schämen sich nicht ihrer Bedürfnisse. Geld kann eine Lösung sein.

Es gibt Prosti­tuierte, die ihren Job schlicht gerne machen  und freiwillig

In der von Alice Schwarzer betriebenen Kampagne für ein Prosti­tu­ti­ons­verbot lebt wieder das alte, patriar­cha­lische Verständnis von Sexualität auf. Beim Sex ist nach dieser Auffassung der Mann immer das Subjekt, die Frau ist immer das Objekt. Er will es, sie lässt es zu. Deshalb müssen Prosti­tuierte für Schwarzer immer Opfer sein, auch wenn einige von ihnen noch so oft öffentlich erklären, dass sie ihrem Beruf freiwillig nachgehen.

Erinnern wir uns: Zwangs­pro­sti­tution, Gewalt, Menschen­handel und ähnliche kriminelle Begleit­erschei­nungen des Sexgewerbes sind schon heute verboten, hier braucht es keine neuen Gesetze, allenfalls bessere Zugriffs­mög­lich­keiten für die Polizei. Es geht in der Debatte um die Frage, ob ein Mann und eine Frau ähnliche Sexualitäten besitzen und ob beide einander beim Sex auf Augenhöhe begegnen. Falls das so ist, dann können sie sich auch auf ein Geschäfts­ver­hältnis einigen, einen Job, bei dem es ebenso wenig Subjekt und Objekt, Herrscher und Untergebene gibt wie im Verhältnis zwischen einem Masseur und seinem Kunden oder zwischen einem Autome­chaniker und seinem Kunden.

Vielleicht ist das sexuelle Geschäft ein Job wie jeder andere

Um Alice Schwarzers Position zu teilen, muss man Sex für etwas Heiliges halten, für etwas ganz Anderes als alles übrige Menschliche, so, wie die katholische Kirche es tut. Oder man muss glauben, dass beim Sex die Frau, naturnot­wendig und immer, die Unterlegene und die Gebende sein muss, der Mann der Überlegene und der Nehmende. Wenn hetero­se­xueller Sex für die Frau ohnehin etwas tendenziell Demüti­gendes darstellt, dann ist es die Prosti­tution natürlich erst recht. Wenn aber Männer und Frauen gleichermaßen Sex und tiefere Gefühle voneinander trennen können, wenn es beim freiwilligen sexuellen Akt keine von der Natur vorgesehenen Sieger und Verlierer gibt, dann ist ein sexuelles Geschäft ein Job wie jeder andere.

Nach einem Artikel in der „Zeit“, der diese Position vertrat, bekam ich Post von einer Hure. Sie schrieb, ihre Kunden seien meist ganz normale Männer, keine Monster. Manche hätten in ihrer Ehe keinen Sex mehr, andere wollten bestimmte Praktiken  auspro­bieren, die ihre Partnerin nicht möge, manche seien behindert, wieder andere beziehungs­unfähig oder ständig auf Reisen. Sie schäme sich nicht. Geschämt habe sie sich, als sie vor Jahren in einer Behörde Hartz IV habe beantragen müssen. Da arbeite sie lieber in diesem Beruf.   

Quelle: Anwaltsblatt Februar 2014 (Anwbl. 02/2014, S. 165)

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Datum
Aktualisiert am
27.06.2014
Autor
Harald Martenstein
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Themen
Gewerbe Plädoyer Prosti­tution

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