Sturm in Deutschland

Stürme und ihre Folgen: Wer haftet wann?

Vom Winde verweht.
Vom Winde verweht.

Quelle: kiz/ fotolia.com

Die Beaufort-Skala definiert die Stärke eines Sturms: Eine leichte Brise wird auf dieser Skala mit der Ziffer zwei bewertet, ein steifer Wind schon mit der Zahl 7 bedacht – „die Grenze für ein versichertes Sturmereignis liegt in den üblichen Bedingungen bei acht“, sagt Rechtsanwältin Kerstin Hartwig aus der Arbeitsgemeinschaft Versicherungsrecht im Deutschen Anwaltverein und rät: Wer einen Sturmschaden bei seiner Versicherung angeben will, kann sich auf diese Skala berufen. „Beaufort ist als Bemessungsgröße höchstrichterlich anerkannt“. Welche Windstärke bei einem Sturm geherrscht hat, lässt sich über den Deutschen Wetterdienst ermitteln.

„Aber selbst wenn die Windstärke für den Schadensort nicht feststellbar ist, kann Versicherungsschutz bestehen“, sagt die Fachanwältin für Versicherungsrecht. Ein Beispiel zu Sturmschäden an Gebäuden: Ein Sturmschaden am Haus kann gegenüber einer Versicherung auch dann nachgewiesen werden, wenn das Gebäude vor dem Sturm im einwandfreien Zustand war und der Schaden nur durch den Sturm herzuleiten ist. Für den Vorher-Nachher-Beweis sollten Hauseigentümer einen Gutachter einschalten.

Ausschlussklauseln in Versicherungsverträgen umgehen

Strittig können hingegen sogenannte Ausschlussklauseln sein – also solche Klauseln in Versicherungsverträgen, die eine Schadenübernahme in bestimmten Fällen nicht vorsehen. Hier „kann man gelegentlich den Hebel ansetzen“, sagt Hartwig und verweist Sturmopfer darauf, sich wehren zu können: „Ausschlussklauseln sind immer dann ungültig, wenn sie einen Versicherten unangemessen benachteiligen“. Das müsse im Zweifel von Fall zu Fall entschieden werden.

Antworten auf die wichtigsten Sturmfragen

Arbeit

Droht eine Abmahnung, wenn ich wegen des Sturms zu spät zur Arbeit komme?

Wer wegen eines schweren Sturms zu spät zur Arbeit kommt, muss keine Abmahnung befürchten. Das gilt jedenfalls, wenn der Sturm völlig unerwartet auftritt, sagt Dr. Nathalie Oberthür von der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht des Deutschen Anwaltvereins. In diesem Fall sei Arbeitnehmern die Verspätung nicht vorzuwerfen. Um keine Schwierigkeiten zu bekommen, sollten Mitarbeiter ihren Arbeitgeber jedoch sofort informieren.

Haus

Wer zahlt, wenn mein Haus durch einen Sturm beschädigt wird?

Ein Sturm kann vielfältige Schäden am Eigenheim verursachen: Starke Windböen wehen Ziegel vom Dach, umherfliegende Gegenstände und abknickende Bäume gestalten die Folgen eines Sturms teuer. Derlei Schäden werden von Versicherungen gedeckt, die jeder Hauseigentümer abschließen sollte: Wohngebäudeversicherung und Hausratversicherung.

Die Wohngebäudeversicherung deckt dabei die Schäden am Haus selbst. Die Hausratversicherung kommt für Schäden an der Einrichtung auf – zum Beispiel, wenn der Sturm ein Loch im Gebäudedach verursacht und Regenwasser eindringt, das anschließend die Möbel beschädigt.

Wann muss ich selbst als Hauseigentümer haften?

Häufig ziehen Sturmschäden am Eigenheim weitere Schäden nach sich, zum Beispiel, wenn Teile des Daches abreißen und parkende Autos beschädigen. Hausbesitzer können in der Regel dafür haftbar gemacht werden. Auch der Verweis auf höhere Gewalt hilft meist nicht. Aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm aus dem Jahr 2010 geht hervor: Von einem sorgfältig gewarteten Haus sollten sich unterhalb einer Windstärke von 12 Beaufort keine Teile ablösen – das entspricht einem Orkan mit Windgeschwindigkeiten von 118-133 km/h (AZ.: 13 U 145/09). Andernfalls kann dem Besitzer eine mangelhafte Instandhaltung seines Hauses vorgeworfen werden.

Wer neben dem Haus einen Garten mit Bäumen besitzt, sollte regelmäßig die Standfestigkeit der Pflanzen überprüfen. Stürzt nämlich bei einem Sturm ein Baum um und beschädigt Eigentum des Nachbarn, kann der Baumbesitzer dafür haftbar gemacht werden – selbst, wenn keine Schäden am Baum sichtbar waren. Es reicht schon, wenn der Baum alt und dadurch brüchig ist. Das geht aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Düsseldorf aus dem Jahr 2002 hervor (AZ.: 4 U 73/01).

Auto

Ein Baum ist auf mein Auto gekracht. Wer haftet?

Mitunter krachen Bäume oder Dachziegel an Tagen eines wütenden Sturms auf das eigene Auto. In der Regel haftet in solchen Fällen die Teil- oder Vollkaskoversicherung des Halters des Autos. Dabei ist nicht der Wiederbeschaffungswert versichert, sondern lediglich der Zeitwert des Autos. Will heißen: Der Wert des Autos wird anhand des Gebrauchs, des Verschleißes und sonstiger bereits vor dem Sturm aufgetretener Schäden bestimmt – und dieser dann gegebenenfalls ersetzt.

Wer haftet, wenn der entwurzelte Baum vorher in einem Park stand?

In einem solchen Fall haftet unter Umständen der Besitzer des Grundstücks, auf dem der Baum stand, bevor er auf das Auto gekracht ist. Privatleute oder die öffentliche Hand haften aber immer nur dann, sagt Rechtsanwältin Hartwig, „wenn das Gefährdungspotential vor dem Sturm erkennbar und damit behebbar war“ – der Besitzer also zum Beispiel wusste, dass der Baum brüchig war.

Was passiert, wenn ich einen umgefallenen Baum anfahre?

Hier greift die Teilkasko meist nicht, sondern lediglich die Vollkaskoversicherung. Liegt der Baum dagegen schon länger auf der Straße und wird dadurch ein Unfall verursacht, kann es passieren, dass die Versicherung keinen Cent zahlt. Das entschied das Landgericht Ellwangen bereits 1994 (AZ.: 2 O 338). Für alle Sturmschäden gilt jedoch: Die selbstgewählte Eigenbeteiligung greift immer. Ganz kostenfrei kommen Sie also nicht durch mögliche Sturmschäden.

Reise

Welchen Anspruch auf Rückerstattung habe ich, wenn der Zug ausfällt?

In NRW hat die Bahn am Montag zwischenzeitlich ihren Verkehr eingestellt. Für potentielle Reisende ist das zumindest finanziell ein geringes Problem: Dass Züge im Sturm ausfallen, ist keine Seltenheit und die Bahn trägt den Schaden und ersetzt auf Antrag die Fahrtkosten.

Was ist, wenn meine Bahn einige Stunden Verspätung hat?

Wer wegen eines Unwetters im Zug festsitzt und zu spät am Zielort ankommt, hat Anspruch auf Schadenersatz. Mindestens eine Teilerstattung können Zugreisende reklamieren. Das gilt auch für Unwetter, die als höhere Gewalt eingestuft werden. Das hat der Europäische Gerichtshof erst kürzlich in einem Urteil festgehalten. 25% des Fahrpreises dürfen Bahnkunden zurückverlangen, wenn sie 60 bis 119 Minuten zu spät kommen. Wer mehr als zwei Stunden zu lange im Zug verharren muss, hat Anspruch auf die Hälfte des Fahrpreises. Während im vergangenen Frühsommer einige Strecken entlang der überfluteten Elbe gesperrt waren und es deshalb zu erheblichen Verspätungen kam, war die Bahn sogar so kulant, den gesamten Fahrpreis zu erstatten.

Was passiert, wenn mein Flugzeug nicht abheben kann?

Wer am Terminal steht und feststellt, dass sein Flug ausfällt, kann sich zumindest sicher sein, dass er Anspruch auf einen Ersatzflug hat. So am Donnerstag in Hamburg geschehen, als zwischenzeitlich der gesamte Flughafen geschlossen wurde. Hebt der Flieger immerhin ab – allerdings mindestens fünf Stunden zu spät – haben Reisende das Recht, vom Flug zurückzutreten und sich den Preis erstatten zu lassen.

Hans-Henning Irmler Markus Hartung Ullrich Hammer Michael Weigel Hubert Wörrle

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