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Weltheb­am­mentag

Spiel mir das Lied vom Hebammentod

Freiberufliche Hebammen protestieren seit Jahren gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen © Quelle: DAV

Hohe Versiche­rungs­beiträge und niedrige Löhne nagen an der Existenz­grundlage der Hebammen. Ein Dilemma, das es bis auf die Agenda von Gesund­heits­mi­nister Hermann Gröhe geschafft hat. Der soll verhindern, was ohne staatlichen Eingriff unausweichlich scheint: Das Aus für einen Berufsstand.

Dass es den  Hebammen schlecht geht, ist nichts Neues. Seit Jahren marschieren die Geburts­hel­fe­rinnen gegen ein System an, in dessen Nahrungskette sie am Ende stehen. Sie demons­trieren für höhere Gehälter und setzen sich für Alternativen zu hohen Haftpflicht­ver­si­che­rungs­prämien ein, die sie nicht stemmen können.

Das Problem

Wer als Hebamme arbeiten will, braucht eine Haftpflicht­ver­si­cherung. Das gilt sowohl für die Freibe­ruf­lichen als auch für die im Krankenhaus Festan­ge­stellten. Während die festan­ge­stellten Hebammen zumeist über ihre Arbeitgeber versichert sind, müssen die Freibe­ruf­le­rinnen selbst für die Prämien aufkommen.

Die Haftpflicht­prämie wiederum steigt mit dem Risiko, das versichert wird. Geburten zum Beispiel kalkulieren Statistiker als enormes Risiko mit wachsendem Potenzial. Nach Angaben des Deutschen Hebammen­ver­bandes stieg der Versiche­rungs­beitrag für freibe­rufliche Hebammen in den vergangenen zehn Jahren von 450 Euro jährlich auf 4.240 Euro aktuell.

„Die Versicherer dürfen auch um 60 Prozent anheben, wenn das kalkula­torisch notwendig ist“, sagt Arno Schubach. Der Rechts­anwalt für Versiche­rungsrecht ist Vorstands­mitglied im Deutschen Anwalt­verein (DAV). Hebammen seien in der Pflicht, ihren Beruf so zu gestalten, dass er wirtschaftlich ist.

2014 wird es noch teurer für die freien Hebammen. 5.000 Euro sollen sie ab dem 1. Juli diesen Jahres zahlen. Ab Mitte 2015 wollen die Versicherer gar nicht mehr herhalten: die Nürnberger Versicherung hatte Anfang des Jahres angekündigt, Hebammen ab Mitte 2015 nicht mehr haftpflicht­ver­sichern zu wollen. Ihre Konkurrenz ist längst ausgestiegen. Eine Alternative hat sich noch nicht aufgetan.

Einkommen an der Existenz­grenze

Auch um ihren Verdienst streiten die Geburts­hel­fe­rinnen: Begleiten freibe­rufliche Hebammen eine Frau derzeit zur Geburt ins Krankenhaus, verdienen sie damit 273 Euro. In den Nachtstunden erhöht sich dieser Betrag auf 327 Euro. Hausge­burten und solche in Geburts­häusern werden mit 550 bis 695 Euro bezahlt. Für einen Wochen­bett­besuch werden einer Hebamme 31 Euro überwiesen. Ein Umsatz, von dem Hebammen nicht nur ihre Kranken­ver­si­cherung und Alters­vorsorge, Fortbil­dungen oder ihre Ausstattung bezahlen. Für die Haftpflicht­ver­si­cherung haben sie dann immer noch nichts zurück­gelegt. „Da kann man sich mal ausrechnen, wie viele Geburten begleitet werden müssen, nur um die Haftpflicht­prämie allein zu stemmen“, schreibt Anja in ihrem Blog „von guten Eltern“ aus ihrer Perspektive als Hebamme und Mutter.

Dieser Milchmäd­chen­rechnung sind sich auch angehende Hebammen bewusst. Luise ist eine von ihnen. Seit Oktober vergangenen Jahres wird sie zur Hebamme ausgebildet. „In der aktuellen Lage ist die Freibe­ruf­lichkeit für mich nicht machbar“, sagt sie. Unter besseren Bedingungen würde sie hingegen gerne frei arbeiten. So wie bislang. Luise hat bereits vor Ausbil­dungs­beginn als zertifi­zierte Stillbe­raterin gearbeitet – selbst­ständig organisiert. Sie weiß um die vielen Unsicher­heiten, denen Frauen in Schwan­ger­schaft, unter der Geburt und im Wochenbett begegnen und wie wichtig in dieser Situation eine Hebamme ist. Eine, die der werdenden Familie zur Seite steht und auf ihrem Wissen stützt.

"Die Art, wie wir mit diesem Beruf, mit Gebärenden und ihren Kindern umgehen, spiegelt wider, wie wichtig einer Gesell­schaft Familie und deren Entstehen ist“, sagt Luise und spielt darauf an, wie wenig sich in den vergangenen Jahren getan hat. Die Politik müsse nun schnell handeln, sonst eliminiere sich das Problem von selbst.

Rettungs­versuche

An einem Ausweg aus dem Dilemma beißen sich die Interes­sen­gruppen bislang die Zähne aus.  Daran, dass die Versiche­rungs­prämien steigen, ist scheinbar nicht zu rütteln. Die Prämien steigen mit den Behand­lungs­kosten für solche Kinder, die mit bleibenden Schäden geboren werden – weil sie zum Beispiel im Geburtskanal nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt waren.

Eine Chance, das Risiko für die Versicherer zu senken, sehen die Hebammen in diesem Vorschlag: Ein staatlich finanzierter Haftungsfonds, der den Versicherern die Kosten über einer bestimmten Haftungs­grenze abnimmt.

Hermann Gröhes Angebot erachten die Hebammen hingegen für unzureichend. Der Gesund­heits­mi­nister hatte vor kurzem angekündigt, prüfen zu wollen, ob und wie sich die die steigenden Haftpflicht­prämien durch die Einführung eines Regress­ver­zichtes im Kranken- und Pflege­bereich begrenzen lassen. Der Hebammen­verband schreibt dazu in einer Presse­mit­teilung: „Inwieweit die Regress­de­ckelung sich auf die Prämienhöhe auswirken wird, bleibt abzuwarten. Sie ist lediglich ein Hilfsin­strument."

Kein marginales Problem

In Deutschland wird bislang noch jede fünfte Geburt von einer freibe­ruf­lichen Hebamme begleitet – im Krankenhaus, in Geburts­häusern oder bei Hausge­burten. Das könnte sich bald ändern und damit das Wahlrecht schwangerer Frauen kippen, wo und mit welcher Unterstützung sie gebären wollen. „Wir sprechen hier von keinem marginalen Problem“, sagt Katharina Jeschke. Die Hebamme kümmert sich im Deutschen Hebammen­verband um die Freibe­ruf­le­rinnen. Mit 5.000 Euro sei für Hebammen eine Grenze erreicht, die einige nicht mehr überschreiten wollen, geschweige denn können.

Laut einer Studie im Auftrag des Bundes­mi­nis­teriums für Gesundheit ist die Zahl derjenigen Hebammen, die Geburtshilfe freibe­ruflich anbieten, allein in den Jahren 2008 bis 2010 von 25 auf 21 Prozent gesunken.

Hebammen arbeiten rund um die Uhr

Im Zusammenhang mit der Haftpflicht­ver­si­cherung fällt immer wieder, dass Hebammen eben mehr arbeiten müssten, wenn sie davon leben wollten. „Das ist keine Frage von Wirtschaft­lichkeit oder Mehrarbeit“, stellt Dr. Ann-Kathrin Hirschmüller klar, als sie mit diesen Aussagen konfrontiert wird. Die Rechts­an­wältin für Medizinrecht vertritt die Interessen des Deutschen Hebammen­ver­bandes.

„Hebammen arbeiten rund um die Uhr – wie Ärzte auch“, sagt sie und erinnert an die vielen Schwangeren, die sich dafür entscheiden, sich von freibe­ruf­lichen Hebammen entbinden zu lassen: „Jede vierte Frau will diesen Weg gehen.“ Selbst wenn nur 2 Prozent der Schwangeren sich von einer freien Hebamme bei der Geburt begleiten lassen wollten, sei das ihr gutes Recht, so Hirschmüller: „Die Geburtshilfe muss versicherbar bleiben!

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kgl
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