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Mut zum Geschäfts­risiko

Gründer braucht das Land

Das Startup Roomlab Acoustics hat sich mit Akustischen Modulen selbstständig gemacht. Die sollen Räume besser klingen lassen. © Quelle: Roomlab Acoustics

An Gründer werden hierzulande hohe volkswirt­schaftliche Erwartungen gestellt: Arbeits­plätze, Innova­tionen und Wettbewerb als Motor für den Standort Deutschland. Insbesondere Technologie-Bestreben werden von der Politik heiß geliebt und gefördert: Das Startup Roomlab Acoustics schöpft muster­gültig aus dem Fördertopf.

In der Theorie bildet der Sweet Spot die Spitze eines auf dem Kopf stehenden Dreiecks. Er verweist auf die optimale Hörposition in einem Raum. In der Praxis markiert schwarzes Klebeband diesen Punkt in Andreas Imhoffs Wohnzimmer. Hier hat er ein Heimkino aufgebaut. Für sich selbst – vor allem aber auch für seine Kunden: Imhoff verdient mit den Klangwelten seines Wohnzimmers Geld. Sein privates Domizil ist gleich­zeitig auch Showroom. Mit zwei Geschäfts­partnern hängt er unter anderem Tonstudios oder Proberäume mit akustischen Modulen aus – bis sie gut klingen.

Die Idee begründet den Erfolg

Nun haben Imhoff und seine Kompagnons Florian Lindig und André Giese keine Weltneuheit auf den Markt geschmissen. Akustische Module – wie die drei mit ihrem Startup Roomlab Acoustics bauen und vertreiben – gibt es bereits. Einige Hersteller sitzen sogar ebenfalls in Berlin. Das bestehende Angebot sei aber unzureichend, sagt Imhoff: „Die Produkte der Konkurrenz sind für Tonstudios zum Teil kontra­pro­duktiv. Da gibt es oft Probleme mit tiefen Frequenzen“. In diese Lücke würden sie als Unternehmen stoßen.

An Entrepe­neurship-Lehrstühlen wird genau dieser Ansatz gelehrt, um potenziellen Existenz­gründern auf die Sprünge zu helfen: Welche Probleme gibt es und wie kann ich sie lösen? Die Geschäftsidee hinter Roomlab Acoustics ist viele Jahre gereift – im Studium und während nächtlicher Spaziergänge durch leere Großstadt-Gassen. An den Modulen haben Imhoff, Lindig und Giese drei Jahre gefeilt. Sie haben sich beraten lassen, saßen in Marketing­kursen und nutzen Startup-Netzwerke.

In Imhoffs Wohnzimmer schwebt die Geschäftsidee ausgereift über dem Holzboden der Altbau-Wohnung. Die akustischen Module hängen in den Decken­kanten und an den Seiten­wänden: Bis auf das Sofa und eine Konsole, auf der Imhoff eine Anlage und Boxen aufgestellt hat, ist der Raum leer – und leise. Verdammt still sogar. Kaum Hall, dafür klare Stimmen beherrschen diesen Raum in einer Seiten­straße der Schönhauser Allee in Berlin Prenzlauer Berg – über der U-Bahnen im Minutentakt hinweg­donnern, Flugzeuge Warteschleifen fliegen und irgendwo gefühlt immer eine Sirene heult.

Kleiner Kapital­bedarf

Abseits des Großstadtlärms haben sich Roomlab über das Wohnzimmer hinaus in eine leerstehende Brauerei eingemietet. Dort ist das Startup offiziell gemeldet und baut seine Module aus Holzrahmen, kleidet sie in absorbie­rendes Fleece und schneidert an Nähmaschinen Stoffhüllen aus ökologisch unbedenk­lichem Material. Die Miete ist niedrig – ein wichtiger Baustein im eng kalkulierten Kapital­konzept. Ihr Unternehmen gründet sich auf 25.000 Euro Erspar­nissen – so viel Geld müssen Gründer in die Hand nehmen, um eine GmbH hochzu­ziehen.

Eine andere Form – etwa die Aktien­ge­sell­schaft (AG) – wäre für Imhoff und seine Kollegen nicht in Frage gekommen. Die hohe Eigenbe­tei­ligung und kosten­in­tensive Anforde­rungen wie etwa die Prospekt­pflicht sprächen dagegen. Imhoff ist überzeugt: „Die GmbH ist für unsere Zwecke die beste Gesell­schaftsform.“ Zu diesem Schluss seien sie nach der Beratung bei einem Anwalt gekommen. Der ihnen die Vor- und Nachteile verschiedener Gesell­schafts­formen aufgedröselt hätte. Eine Rolle spielt für das junge Startup auch, dass GmbH-Eigentümer nur mit der Summe haften, die sie zum Unterneh­mensstart eingebracht haben. Ihr Privat­vermögen bleibt unberührt.

Risiko Selbst­stän­digkeit

Im interna­tionalen Vergleich wagen nur wenige Deutsche den Schritt in die Selbst­stän­digkeit. Rund 5% der Deutschen haben es 2012 versucht oder managen eine Firma, die maximal dreieinhalb Jahre alt ist. Das hält der Länder­report Deutschland fest – ein Teil des Global Entrepe­neurship Monitor, den unter anderem die renommierte London Business School jedes Jahr erstellt. In den USA sind Gründer umtriebiger: 13% stehen auf eigenen Füßen, in Singapur sind es 12%. Selbst im europäischen Vergleich gehen vergleichsweise mehr Menschen das Risiko Selbst­stän­digkeit ein: In den Nieder­landen als auch in Großbri­tannien jeder Zehnte.

In Deutschland scheuen Gründungs­willige oft die bürokra­tischen Hürden, schreibt die Kredit­anstalt für Wieder­aufbau (KfW) in ihrem Gründungs­monitor 2013. Anträge beim Gewerbeamt, Finanzamt und bei der Berufs­ge­nos­sen­schaft seien sehr zeitin­tensiv. Auch die mit einer Selbst­stän­digkeit einher­gehende hohe Zahl an Arbeits­stunden zählen laut Studie für Gründungs­willige zu den Störfaktoren. Ein Übriges tut das finanzielle Risiko. Dem ziehen die meisten Deutschen eine vermeintlich sichere, abhängige Anstellung vor. 2012 sank die Zahl der Gründer nach KfW-Angaben auf 775.000 Selbst­ständige. 2011 seien es noch 835.000 gewesen.

Gründungsmotor Stipendium

An einigen deutschen Univer­sitäten versucht man sich eifrig daran, Studenten für die Selbst­stän­digkeit zu begeistert. Die Technische Universität Berlin zum Beispiel fördert seit 30 Jahren Unterneh­mens­grün­dungen aus den eigenen Reihen. Seit 2004 hat das Kind auch einen Namen: Gründungs­service. Die TU berät ihre Zöglinge, vermittelt mietfreie Büroräume und unterstützt bei den Anträgen für Stipendien. Zum Beispiel für Exist: Dieses Stipendium schreibt das Bundes­mi­nis­terium für Wirtschaft und Technologie seit 1998 aus.

André Imhoff und seine Kollegen haben die Pfeiler zu Ihrem Startup im Studium aufgestellt und sich an den TU-Gründer­service gewendet. 2.000 Euro gab es für ihr Vorhaben monatlich an Exist-Unterstützung. Die Idee zu den Akustik-Elementen kam ihnen allerdings erst, nachdem die Förderung ausgelaufen war und sie unter Zugzwang standen, ohne Fördertopf zu überleben. Ihre Gründungsidee habe sich bis dahin um eine Software gerankt, mit der auch Laien Räume akustisch ausmessen können, räumt Imhoff im Gespräch auf dem Wohnzim­mersofa ein. „Wir haben uns damals entschieden, die Software hinten anzustellen und erst mal auf ein realis­tisches Geschäfts­modell umzurüsten.“

Zu seinen Kunden zählt das Startup heute unter anderem das Betahaus – ein so genannter Coworking Space – dessen Betreiber ihre Idee ebenfalls zunächst in Berlin realisiert haben und damit inzwischen nach Hamburg, Köln, Sofia und Barcelona expandiert sind.

Datum
Aktualisiert am
27.06.2014
Autor
kgl
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530
Themen
Arbeitsplatz Eigentum Existenz­gründung

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